Stell dir vor: Du bist Kaiser von Japan. Die kaiserliche Küche beschäftigt ein ganzes Team von Spitzenköchen. Du könntest jeden Tag Kaiseki-Menüs, Hummer oder Wagyu-Steak verlangen.

Und was willst du am liebsten essen?

Gedämpfte Süßkartoffel. Mit Schale.

Das ist keine Erfindung — das ist historisch belegt. Und es ist einer meiner liebsten Fakten über Kaiser Shōwa, den Mann, nach dem der heutige Feiertag benannt ist: der 昭和の日 (Shōwa no hi), gefeiert jedes Jahr am 29. April.

Aber der Reihe nach!


Was ist der 昭和の日 überhaupt?

Der 昭和の日 ist ein japanischer Nationalfeiertag. Er markiert den Geburtstag von Kaiser Hirohito, der posthum den Namen 昭和天皇 (Shōwa-Tennō) trägt. Er regierte von 1926 bis zu seinem Tod im Jahr 1989, also ganze 63 Jahre — eine der längsten und turbulentesten Regierungszeiten der modernen Geschichte.

Der offizielle Zweck des Feiertags: Die Bevölkerung soll innehalten und über die Höhen und Tiefen der Shōwa-Ära nachdenken — und darüber, wie weit Japan seitdem gekommen ist.

Die Shōwa-Ära umfasst nämlich eine ziemliche Bandbreite: den Zweiten Weltkrieg, den totalen Zusammenbruch, den Wiederaufbau aus den Trümmern. Und dann Japans Aufstieg zu einer der größten Wirtschaftsmächte der Welt. Alles in einem einzigen Kaiserleben.


Die Geschichte hinter dem Feiertag

Der 29. April war lange Zeit nicht der Shōwa no hi.

Nach Kaiser Shōwas Tod 1989 wurde der Tag zunächst in みどりの日 (Midori no hi / Tag des Grüns) umbenannt. Es sollte ein Feiertag zu Ehren der Natur sein, auch aufgrund Hirohitos Liebe zur Botanik (er war leidenschaftlicher Meeresbiologe).

Erst 2007 wurde der 29. April offiziell zum Shōwa no hi, während der Midori no hi auf auf den 4. Mai verfrachtet wurde.

Das Ergebnis? Zusammen mit dem 3. Mai (Verfassungstag) und dem 5. Mai (Tag des Kindes) bildet der Shōwa no hi den Start in die ゴールデンウィーク (Golden Week), Japans längster Urlaubszeit (wenn man die Fenstertage dazu rechnet). Viele Japaner haben in dieser Zeit fünf bis zehn Tage frei am Stück. Es ist eine der reisereichsten Wochen des ganzen Jahres! Also lieber davor oder danach einen Japanurlaub planen – sonst kannst du mit extrem hohen Preisen für Hotels etc. rechnen und musst schon wirklich SEHR viel früher buchen). Ich werde demnächst noch einen Podcast aufnehmen mit Zeiten, die besser oder schlechter für eine Japanreise geeignet sind – folge mir jetzt schon hier oder überall, wo es Podcasts gibt.


Die Kanji erklärt: 昭・和・日

Schauen wir uns kurz die drei Kanji im Namen an.

昭 (shou) bedeutet „leuchtend“ oder „hell“. 和 (wa) bedeutet „Frieden“ oder „Harmonie“. 日 (hi) bedeutet „Tag“ oder „Sonne“.

Zusammen steht 昭和 also für: „erleuchteter Friede“.

Eine tiefe Ironie steckt in diesem Namen — denn die frühe Shōwa-Ära war alles andere als friedlich. Und doch: Der Name beschreibt vielleicht mehr die Hoffnung als die Realität. Oder das, was am Ende tatsächlich möglich wurde.

Ein paar Wörter, die du mit diesen Kanji kennst (oder kennen solltest!):

KanjiWortLesungBedeutung
今日きょうheute (jetzt + Tag)
休日きゅうじつFreier Tag(Pause + Tag)
祝日しゅくじつ(Nationaler) Feiertag (Feiern + Tag)
平和へいわFrieden
和食わしょくjapanisches Essen (wa steht auch für alles, was traditionell Japanisch ist, z.B. auch 和菓子 wagashi, traditionelle japanische Snacks/Süßigkeiten)
令和れいわaktuelle Kaiserzeit (Gesetze, Befehl + Frieden)
昭和時代しょうわじだいdie Shōwa-Ära

Was machen Japaner an diesem Tag?

Der Shōwa no Hi ist kein trauriger Gedenktag — er ist eher ein Tag des ruhigen Erinnerns und der Wertschätzung.

Typisch für diesen Tag:

  • Museumsbesuche mit Shōwa-Ausstellungen über Alltag, Mode und Popkultur der Ära
  • Frühlingsreisen — der 29. April liegt mitten im schönsten Frühling, ideal für Hanami-Nachzügler
  • Familientreffen, bei denen Großeltern von der Shōwa-Zeit erzählen
  • In bestimmten Stadtvierteln wie Yanaka in Tokyo gibt es Retro-Festivals, die die Atmosphäre der Shōwa-Zeit wieder aufleben lassen

Wir waren heute zu Hause und haben die Samurairüstung für den Tag des Kindes aufgebaut. Unsere Katze musste die Deko dafür auch gleich „begutachten“ und hat dabei sofort eines der Beine mitgehen lassen :D


Und jetzt zur Süßkartoffel 🍠

Zurück zum heutigen geheimen Thema: Was aß Kaiser Shōwa eigentlich?

Dank der Aufzeichnungen ehemaliger Köche der kaiserlichen Küche — der sogenannten 大膳課 (Daizen-ka, Kanji für groß, Serviertablett und Abteilung) — wissen wir es ziemlich genau.

Sein Alltag war überraschend bodenständig:

  • Frühstück: Immer westlich — Toast oder Haferbrei, Salat, Gemüse, Milch
  • Mittag & Abend: Abwechselnd japanisch und westlich
  • Auf dem Speiseplan: ganz normale Volksküche — Saba (Makrele), Sanma (Pazifikmakrele), Chahan (gebratener Reis), sogar Ramen und Soba

Und sein erklärtes Lieblingsessen? 皮付きのふかし芋 (kawa-tsuki no fukashi-imo)— gedämpfte Süßkartoffel, unbedingt mit Schale (kawa 皮 / das tsuki heißt inkludiert/mit/dran – die Schale ist noch dran).

Es gibt sogar eine Anekdote: Ein junger Koch schälte die Kartoffel einmal „aus Güte“ — und bekam prompt einen ordentlichen Rüffel von den Hofdamen. Denn genau die Schale war der Teil der Süßkartoffel, auf den sich der Kaiser am meisten freute.

Unagi (Aal) aß er übrigens auch gerne — das ist historisch belegbar. Allein im Jahr 1984 gegrillten Aal sage und schreibe 22 Mal. Aber sein wirkliches Herzensessen? Die schlichte Süßkartoffel.

Vielleicht nicht unbedingt, was man sich bei kaiserlichem Essen vorgestellt hat.


Shōwa-Retro: Warum liebt Gen Z die 昭和-Ästhetik?

Ein Phänomen, das mich wirklich fasziniert: Die Shōwa-Ästhetik erlebt gerade ein riesiges Revival — vor allem bei jungen Japanerinnen und Japanern.

Der Hashtag #昭和レトロ hat hunderttausende Posts. Shōwa-Cafés, Shōwa-Mode, Shōwa-Objekte. Was steckt dahinter?

Die Shōwa-Welt fühlt sich für Gen Z komplett anders an als der moderne Alltag: warme Farben, gemütliche Kisaten-Cafés mit Siphon-Kaffee, leuchtend grüne クリームソーダ (Cream Soda) mit Vanilleeis, handgemachte Dinge, Vinyl-Schallplatten.

Es ist eine Welt, die langsamer und persönlicher wirkt. Und das zieht Menschen an. Gerade in einer Zeit, in der alles schnell, digital und glatt ist.

Typisch Shōwa-Retro, das du kennen solltest:

  • 🟢 クリームソーダ – grüne Soda mit Vanilleeis (DER Shōwa-Instagramhit)
  • 純喫茶 (Junkissa) – nostalgische Retro-Cafés (jun = rein, unschuldig – dort gibt es keinen Alkohol)
  • 🍝 ナポリタン – Ketchup-Spaghetti, ein Shōwa-Klassiker (ich brauch das nicht unbedingt XD)
  • 📷 Fujicolor Utsurundesu – die Einwegkamera aus den 80ern (写るutsuru = etwas abbilden – das gleiche Kanji wie in Foto 写真 – die Wirklichkeit 真 abbilden 写)
  • 🐱 Maneki-neko, Kokeshi-Puppen, Daruma – ich hab viiiiele Maneki (招きEinladen sie lädt Glück, Geld, Gesundheit mit ihrer hochgehobenen Pfote ins Haus ein, manche heben sogar beide Pfoten) 猫 Katzen und ein paar Kokeshi Puppen (die sind als Holz und mit schwarzen einfachen Augen) zu Hause

Fazit: Ein Feiertag voller Widersprüche — und das macht ihn interessant

Der 昭和の日 ist kein einfacher Feiertag. Er erinnert an eine Ära, die Japan gleichzeitig in den Abgrund gerissen und zu einer modernen Weltmacht gemacht hat.

Aber er erinnert mich auch an etwas, das ich an Japan so liebe: Die Fähigkeit, Geschichte nicht zu vergessen — und trotzdem nach vorne zu schauen. Mit einem guten Kaffee. Oder einer gedämpften Süßkartoffel.

Hast du schon mal etwas von der Shōwa-Ästhetik mitbekommen — in einem Café, in einem Anime, irgendwo? Erzählt mir davon!


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Du möchtest dein Japanisch verbessern, indem du einen Tag in Japan verbringst, ohne anstrengenden Flug? Hier gibt es ein paar Mini-Lese-Lern-Pakete auf verschiedenen Niveaus – auch für den 子供の日 kodomo no hi!